14.11.2019 | Pressemitteilung

Hauptversammlungssaison 2019: BVI fordert von Unternehmen höhere Transparenz

Die Mehrzahl der großen börsennotierten Gesellschaften hält sich nicht an die Regeln einer guten Unternehmensführung. Besonders viel Börsenwert wurde im Jahr 2019 durch Missmanagement und Fehlentscheidungen vernichtet. Das ist das Ergebnis der Analyse der Hauptversammlungssaison 2019 auf Basis der Analyse-Leitlinien des BVI. Bei insgesamt 82 der 160 untersuchten Unternehmen hätten dem Vorstand und bei 102 Gesellschaften dem Aufsichtsrat die Entlastung verweigert werden müssen. „Im vergangenen Jahr wurden zum Leidwesen der Aktionäre Vermögenswerte in Milliardenhöhe vernichtet“, sagt Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbands BVI. Schädlich waren insbesondere die Dieselaffäre bei Volkswagen und die Monsanto-Übernahme durch Bayer. Es geht aber auch anders. Allianz, Aurubis oder Jenoptik stehen stellvertretend für Unternehmen, bei denen es keine Beanstandungen gab. Deren Vorstände und Aufsichtsräte konnten komplett entlastet werden.

Der BVI hat mit Unterstützung des Aktionärsdienstleisters IVOX Glass Lewis analysiert, inwieweit die 160 Unternehmen der DAX-Familie (DAX30, MDAX und SDAX) die Vorgaben der Analyse-Leitlinien des BVI für Hauptversammlungen (ALHV) in der Saison 2019 erfüllt haben.

Vergütung bleibt intransparent
Hauptkritikpunkt ist die fehlende regelmäßige Abstimmung der Investoren über das Vergütungssystem des Vorstands. Gemäß der ALHV sollten die Aktionäre darüber alle fünf Jahre auf der Hauptversammlung abstimmen, nur dann ist eine Entlastung des Vorstands und des Aufsichtsrats möglich. In der Saison 2019 hätten deswegen die Investoren bei 70 der 160 Unternehmen dem Aufsichtsrat und bei 66 Gesellschaften dem Vorstand die Entlastung verweigern können.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die fehlende Offenlegung der individuellen Vergütung von Vorstand bzw. Aufsichtsrat. Eine Reihe von Unternehmen individualisiert sie immer noch nicht im Vergütungsbericht. Doch das wird spätestens mit Inkrafttreten der ARUG II im nächsten Jahr Pflicht. Bei insgesamt 112 der 160 Unternehmen konnte daher keine uneingeschränkte Entlastung des Aufsichtsrates empfohlen werden. „Einige Unternehmen mauern weiter bei der Vorstandsvergütung. Dabei sind deren Ausweis und Zusammensetzung für Investoren ein wichtiges Kriterium zur Beurteilung der Leistung im Vergleich zum Unternehmensergebnis. Die Analyse-Leitlinien fordern an dieser Stelle schon seit 2017 mehr Transparenz, doch passiert ist bislang wenig“, so Richter.

Im kommenden Jahr wird die BVI-Leitlinie weiter verschärft werden. In Anlehnung an die zweite Aktionärsrechterichtlinie (SRD II) ist dann eine Abstimmung mindestens alle vier Jahre vorgesehen. Zudem wird dem Thema Nachhaltigkeit im Rahmen einer guten Unternehmensführung eine größere Bedeutung beigemessen. Konkret wird der BVI überprüfen, inwieweit Unternehmen für ihre nicht-finanzielle Berichterstattung die EU-Leitlinien zu klimarelevanten Informationen beachten.

Aufsichtsräte: zu viele Mandate pro Person
Auch die Aufsichtsratsarbeit muss besser werden: Bei der Wahl zum Aufsichtsrat gab es gegenüber dem Vorjahr eine Verschlechterung bei den Grundsätzen zur guten Unternehmensführung. Bei 70 Unternehmen gab es Beanstandungen. Nach den Vorgaben der ALHV ist eine Beschränkung der Anzahl auf fünf Aufsichtsratsmandate vorgesehen. Dieser Anforderung kamen 43 Unternehmen nicht nach. Die ALHV verlangen auch, dass die Hälfte der Aktionärsvertreter unabhängig ist. Als nicht unabhängig gilt dabei ein Kandidat, der bereits seit 10 Jahren im Aufsichtsrat tätig ist oder ein Bewerber, der von einem Aktionär mit einem Stimmanteil von mehr als 10 Prozent entsandt wird. Auf Basis dieser Kriterien konnten 24 Unternehmen keine ausreichende Zahl unabhängiger Bewerber vorweisen.

Die Analyse-Leitlinien sehen auch die Nennung einer Altersgrenze für Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder vor. Bei 36 Unternehmen ist keine Begrenzung des Alters vorgesehen oder es wird keine Altersbegrenzung veröffentlicht.

Nach der Index-Neuordnung durch die Deutsche Börse im Herbst 2018 ist ein Vergleich gegenüber dem Vorjahr nur eingeschränkt möglich: Die Zahl der Mitglieder im MDAX wurde von 50 auf 60 Unternehmen erhöht, im SDAX sind jetzt 70 Gesellschaften notiert nach 50 Werten zuvor. Der TecDax wird von IVOX Glass Lewis nicht mehr separat ausgewertet, da dessen Mitglieder auch in den anderen Indizes enthalten sind. Der BVI hat daher auf die Angabe des Vorjahreszeitraums verzichtet.

 

Über die Analyse-Leitlinien des BVI
Die Analyse-Leitlinien des BVI für Hauptversammlungen (ALHV) stellen Eckpunkte für eine gute Unternehmensführung aus Sicht des BVI dar. Sie machen Fondsgesellschaften keine verbindliche Vorgabe für das jeweilige Abstimmungsverhalten auf der Hauptversammlung, sind in der Branche inzwischen aber zum Mindeststandard avanciert. Die Mitglieder des BVI halten in ihren Fonds Aktien deutscher Unternehmen im Wert von 197 Milliarden Euro. Dabei agieren die Fondsgesellschaften als Treuhänder ihrer Anleger gegenüber diesen Unternehmen und üben die Aktionärsrechte in ihrem Interesse aus. Sie orientieren sich dabei an anerkannten Branchenstandards wie den Wohlverhaltensregeln des BVI und dem „Stewardship Code“ der EFAMA.

 

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