Wer ist hier scheinheilig?

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Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbands BVI, auf bilanz.de/welt.de am 21. August 2018

Wer ist hier scheinheilig?

Ein kürzlich auf bilanz.de/welt.de erschienener Kommentar beschuldigte die Finanzbranche, ihr Ruf nach mehr Finanzbildung sei scheinheilig. Dabei gehört auch die Autorin der Branche an. Eine Replik vom Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbands (BVI).

Wenn sich die Finanzbranche für ein Schulfach Finanzen einsetzt, trifft sie oft auf Widerstand, beispielsweise von Gewerkschaftern. Einer sagte uns einmal, er wolle keinen Kapitalismusunterricht.

Ein kürzlich an dieser Stelle erschienener Kommentar mit dem Titel „Die scheinheilige Forderung nach mehr Finanzbildung“ stach allerdings durch eine erstaunliche Aggressivität gegenüber der Finanzbranche hervor. Erstaunlich nicht nur wegen der Wortwahl, sondern auch deshalb, weil sich die Autorin als Gründerin einer digitalen Vermögensverwaltung selbst offenbar nicht zur Finanzbranche zählen will.

Ihre These in Kürze: Den „Propagandisten“ aus Banken und Fondsgesellschaften gehe es bei der Forderung nach besserer Finanzbildung „wie immer“ darum, „aus den Kunden so viel Profit herauszumelken wie möglich“.

Die 2,3 Billionen Euro niedrigverzinster Gelder auf Bankkonten und in Festgeld sollen in aktiv gemanagte Aktienfonds umgeschichtet werden, weil diese hohe Provisionen erbrächten. Es sei kein Zufall, dass die Bildungsinitiative gerade dann Fahrt aufnehme, wenn „der anhaltende Abfluss aus aktiv gemanagten Aktienfonds den Vorständen der Fondsgesellschaften Angstschweiß auf die Stirn treibt“.

Immenser Bedarf für das Schulfach Finanzen

Abflüsse? Angstschweiß? Aktiv gemanagte Aktienfonds hatten 2017 4 Milliarden Euro Zuflüsse. 2017 flossen insgesamt 71,8 Milliarden Euro in Publikumsfonds, das drittbeste Jahr der Geschichte. Wir managen nicht nur Aktienfonds. Der Angstschweiß hält sich in Grenzen.

Außerdem ist der unterstellte zeitliche Zusammenhang schon deshalb unsinnig, weil die Finanzbranche schon viel länger ein Schulfach fordert, der BVI mit Nachdruck seit 2006 – lange vor dem Zinstief. Dann weist die schmissige Polemik der Autorin noch einen kleinen Denkfehler auf: Wie bitte soll ein Schulfach dazu führen, kurzfristig Geld von Bankkonten und Festgeldern in Aktienfonds umzuschichten?

Die 2,3 Billionen Euro stammen ja nicht von Schülern. Und selbst wenn: Die „Propaganda“ im Klassenzimmer würde allenfalls in fernerer Zukunft greifen, nicht jetzt, wo der Angstschweiß fließt.

Warum also ein Schulfach Finanzen? Weil es einen immensen Bedarf gibt. Konkret machte ihn zuletzt die Schülerin, die sich darüber beklagte, sie sei fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen, aber sie könne eine Gedichtanalyse in vier Sprachen schreiben.

Allgemein wird der Bedarf deutlich, wenn man sich das aktuelle Ausmaß der Vermögensvernichtung vor Augen führt: Auf die 2,3 Billionen gibt es im Schnitt 0,16 Prozent Zinsen. Die Inflationsrate liegt bei knapp zwei Prozent.

Die Deutschen sparen sich jährlich um fast 43 Milliarden Euro ärmer. Und warum? Weil sie Angst vor den Schwankungen der Kapitalmärkte haben, weil sie Börsen für Spielkasinos halten, weil sie Aktien mit Spekulation gleichsetzen und deshalb ihr Geld lieber zu festen Zinsen und mit Garantien anlegen.

Konkurrenz als „Schaumschläger“ verunglimpft

Ihnen muss diese irrationale Angst im eigenen und volkswirtschaftlichen Interesse genommen werden. Das ist in erster Linie eine Beratungsaufgabe der Finanzbranche!

Diese lässt sich aber erfolgsversprechender erfüllen, wenn der Kunde Grundkenntnisse mitbringt. Kritik an der Finanzberatung ist oft berechtigt. Gerade deshalb ist es nicht nachvollziehbar, die Forderung nach einem Schulfach durch den Kakao zu ziehen, das informiertere und damit kritischere Kunden hervorbringen würde.

Eigentlich weiß das auch die Autorin. Aber es ging ihr vor allem darum, aktiv gemanagte Aktienfonds und ihre Vertriebswege als teuer und ihr eigenes Geschäftsmodell als das bessere darzustellen. Dabei verunglimpft sie die Konkurrenz als „Schaumschläger“, „falsche Marktpropheten“ und „scheinheilig“.

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