7.10.2026

NACHGEFRAGT

Der Countdown läuft: Noch ein Jahr bis zur T+1-Umstellung in der EU


Interview mit Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des deutschen Fondsverbands BVI

Am 11. Oktober 2027 wird die Frist für die Wertpapierabwicklung in Europa von T+2 auf T+1 verkürzt. Für die Fondsbranche bedeutet das die größte operative Umstellung seit Jahren. Warum die Reform weit mehr ist als ein technisches Projekt, welche Chancen sie bietet und worauf es jetzt ankommt, erklärt Thomas Richter.

Herr Richter, die EU stellt in genau einem Jahr auf T+1 um. Warum beschäftigt die Branche dieses Thema so intensiv?
Weil die Umstellung jeden Marktteilnehmer betrifft. Künftig muss ein Wertpapiergeschäft bereits einen Geschäftstag nach dem Handel vollständig abgewickelt sein. Bisher sind es zwei Tage. Das klingt nach einer kleinen Veränderung, verkürzt aber viele Abläufe entlang der gesamten Wertschöpfungskette erheblich. Für die Fondsbranche ist das eines der größten Projekte der vergangenen Jahre. Assetmanager, Verwahrstellen, Broker, Handelsplätze, Zentralverwahrer und andere Dienstleister müssen ihre Prozesse darauf ausrichten. Die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren.

Ist T+1 nur ein technisches Thema für Spezialisten?
Nein. Zwar geht es zunächst um Handels- und Abwicklungsprozesse. Aber dahinter steht eine strategische Frage: Wie wettbewerbsfähig sind die Kapitalmärkte in Europa? Die USA, Kanada und weitere Märkte haben T+1 bereits eingeführt. Die EU muss nun nachziehen. Deshalb ist die Reform weit mehr als ein IT-Projekt. Sie ist ein wichtiger Schritt, um den EU-Kapitalmarkt fit für die Zukunft zu machen.

Was bedeutet die Reform konkret für Fonds?
Hier muss man unterscheiden: Die T+1-Regelung gilt nicht für Fondsanteile. Deshalb werden auch künftig unterschiedliche Abwicklungszyklen bei Fonds möglich sein. Trotzdem sind Fondsgesellschaften unmittelbar betroffen. Denn Fonds investieren in Aktien, Anleihen und andere Wertpapiere, die künftig nach T+1 abgewickelt werden. Deshalb müssen auch die Fondsgesellschaften ihre Prozesse und IT-Strukturen entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Handel und Wertpapierabwicklung anpassen.

Entsteht durch T+1 zusätzlicher Druck zur Digitalisierung?
Auf jeden Fall. Je kürzer die Fristen werden, desto weniger Raum bleibt für manuelle Abläufe, individuelle Abstimmungen und nicht harmonisierte Prozessabläufe. T+1 zwingt die Unternehmen dazu, Prozesse zu digitalisieren, die Datenqualität zu verbessern und stärker zu automatisieren. Diese Investitionen zahlen sich aber langfristig aus. Europa braucht effizientere und leistungsfähigere Kapitalmärkte. T+1 kann dafür ein wichtiger Katalysator sein.

Ist bei T+1 Schluss? Oder wird die Entwicklung weiter gehen?
Die Entwicklung geht weiter. Die Kapitalmärkte sind seit Jahren auf dem Weg zu mehr Digitalisierung, Automatisierung und schnelleren Prozessen. T+1 ist deshalb kein Schlusspunkt, sondern ein weiterer wichtiger Meilenstein. Wir sehen das bereits heute: Neue Technologien, tokenisierte Wertpapiere oder Fondsanteile und digitale Infrastrukturen eröffnen Möglichkeiten, Transaktionen noch effizienter abzuwickeln. Langfristig wird deshalb auch über T+0 diskutiert.


Die Fragen stellte Christiane Lang, Internetredaktion.

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